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antville.org
 Wednesday, 3. July 2002 

Neu auf antville: Tomato Republic, ein italienisches kollaboratives Politblog.

Um nochmal meinen Standpunkt zur Diskussion um den FM4-Soundpark klarzumachen: FM4 hat kein Monopol für Jungmusiker-Plattformen im österreichischen Internet. Die Mittel und Wege es besser zu machen sind da, wenn man glaubt, es besser machen zu können. Wenn jemand ernsthaft daran interessiert ist, eine Alternativ-Plattform für unsignierte österreichische Musik auf Basis von Antville-Code auf die Beine zu stellen, werde ich nach meinen Möglichkeiten dabei helfen. Dieses Angebot gilt auch für FM4.

Steven Johnson über Emergence. Wer ein komplexes, auf das Zusammenspiel vieler Akteure aufbauendes System zu schaffen gedenkt und glaubt, die beste Art dies zu tun sei, die Aktionen jener Mitspieler bis ins Detail zu planen und kontrollieren, der sollte Johnsons Buch lesen. Leider ist die Kontrollangst eine verbreitete Krankheit. Die Gratis-Stadtrad-Aktion in Wien ist daran zu Grunde gegangen. Teil dieses Plans war, dass Stadtradradler wie für einen Einkaufswagen zwei Euro "Pfand" in einen Schlitz am Fahrrad stecken, um das Fahrrad von einer es festhaltenden Kette zu lösen. Am Ende der Fahrt würde der Stadtradradler das Rad an einer (wahrscheinlich von der Ausgangsstation verschiedenen) Fahrradstation anketten, um die zwei Euro zurückzuerhalten. Man erkennt an der Tatsache, dass die zwei Euro niemals den Wert des Rades abdecken, dass diese Regelung absolut irrational und nur der Kontrollangst der Planer entsprungen sein kann. Vor allem aber wurde dadurch der Wert des Rades annihiliert, weil die Ein- und Ausstiegspunkte ins System mit unglaublicher Reibung versehen wurden. Diese Reibung war nicht nur praktischer Natur (sprich: gibt es hier oder am Zielort eine Fahrradstation, habe ich ein Zweieurostück parat, etc.) sondern vor allem auch emotionaler (sprich: das Rad gehört nicht dir, aber unter unseren strengen Auflagen darfst du es benutzen). (Einstiegs- und Ausstiegspunkte sind übrigens Parameter, die beim Web-Bau eminent wichtig sind, und der Grund, warum Frames, Applets, und Link-in-neuem-Fenster-öffnen absolute no-nos sind. Aber das ist eine andere Geschichte.) Wie also hätte die Stadtrad-Aktion funktionieren können? Indem man den Stadtbewohnern eine Möglichkeit zur Benutzung der Räder gegeben hätte, die den Nutzen der Räder nicht geschmälert hätte. Das bedeutet keine strengen, bis ins Detail gehenden Benutzungsauflagen, die von oben nach unten gereicht werden. Stattdessen hätte man den Menschen die Möglichkeit gegeben, selbst einen Benutzungskodex zu finden oder zu entwickeln. Nichts anderes passiert ja bei der Festlegung der Benutzungskodexes von Gehsteigen, Parkbänken, Friedhöfen, Sonntagszeitungen etc. (Interessanterweise geschieht diese Kodexfindung zu einem grossen Teil über Blicke, aber das ist eine andere Geschichte.) Für die Fahrräder hätte das so ausgeschaut, dass es absolut keinen Pfandmechanismus hätte geben dürfen. Die Fahrradstationen wären normale, wenngleich speziell gekennzeichnete Fahrradständer gewesen. Das alleine ist jedoch nicht ausreichend, weil das Konzept der vereinzelten Stadtradstation dem des Fahrrades als Fortbewegungsmittel grundsätzlich zuwiderläuft. Es muss also die Möglichkeit geschaffen werden, das Stadtrad einfach an Ort und Stelle stehen zu lassen, und dafür muss die Möglichkeit geschaffen werden, den Benutzer kundtun zu lassen, ob er oder sie das Rad noch zu benutzen gedenkt oder ob es für einen neuen Benutzer zur Verfügung steht. Das wäre mit einem am Gepäckträger angebrachten Fähnchen, das man nach Benutzung einfach hochgeklappt wird, einfach zu machen gewesen - eine simple, elegante, potentiell coole und im Gegensatz zum Zweieurostück absolut nicht lästige Geste. Wäre die Stadtradaktion damit erfolgreicher verlaufen? Ich kann es nicht sagen. Auf jeden Fall hätte sie eine faire Chance gehabt.

Während obige Argumentation darauf abzielt, absolute Verhinderer-Bugs aus dem Stadtradsystem zu entfernen, gibt es noch einen anderen Winkel/Grund/Mechanismus, warum das von mir vorgeschlagene System bessere Lebenschancen gehabt hätte: Das Zwei-Euro-Pfandsystem suggerierte gross und laut: Hier gibt es ein Fahrrad für zwei Euro. Das ist natürlich eine deutliche Botschaft für jene, für die das Geld bei einem potentiellen/imaginierten Fahrradkauf eine entscheidende Rolle spielt, also fast alle, vor allem aber Kinder und Jugendliche. Wäre das Aneignungsprinzip ohne die zwei Euro vonstatten gegangen, hätte es diese Botschaft, hätte es die Überlegung "ein Rad für zwei Euro" ganz einfach nicht gegeben. Verrückt, aber das menschliche Gehirn funktioniert tatsächlich nach diesem Schema: Was nichts kostet, das brauch ich auch nicht zu fladern.

Resource Management über Pheromone, Resource Management über Fähnchen. (Nur eine Notiz für mich selbst.)


 sierra , 4. July 2002 gegen 15:25 

ziemlich interessante argumentation (gratisfahrradgeschichte). klingt auch schluessig. ich bin aber der meinung es funktioniert nicht. die leute spielen leider nicht mit....

 hns , 4. July 2002 gegen 16:50 

you never know until you try. (selbst dann weiss man meist weniger, als man denkt.)

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